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„Die Schulbibliothek ist geradezu prädestiniert dafür, informelles, selbstgesteuertes und soziales Lernen anzuregen.“

05.05.2026
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Schulbibliotheken können weit mehr sein als ein Ort für Bücher: Sie fördern Lesen, selbstständiges Lernen und schaffen einen Raum für Austausch. So werden sie zu lebendigen Lernorten im Schulalltag, die die Schüler:innen aktiv in der Entwicklung wichtiger Kompetenzen unterstützen. Welche Potenziale in Schulbibliotheken als Lern-, Begegnungs- und Erfahrungsräume stecken und wie sie zur Förderung von Lese- und Informationskompetenz beitragen können, erläutert Prof. Dr. Keller-Loibl im folgenden Interview.

Frau Prof. Dr. Keller-Loibl, schulische Lernumwelten sind ein komplexes Gefüge aus Orten, sozialen Beziehungen, pädagogischen Interaktionen und vielem mehr. Welche Rolle spielen Schulbibliotheken, die ein Teil von schulischen Lernumwelten sind, in diesem Gefüge? Und welchen Beitrag leisten sie beim Erwerb wichtiger Kompetenzen, wie z. B. der Lesekompetenz?

Schulbibliotheken können eine zentrale und vielschichtige Rolle in schulischen Lernumwelten spielen. Sie sind Knotenpunkte im gesamten Lernökosystem einer Schule. Sie stellen nicht nur Medien zur Verfügung, sondern sind hybride Lernräume zwischen Klassenzimmer und Rückzugsort für individuelles Lernen. Mit einem Zugang zu Ressourcen für alle Schülerinnen und Schüler wird Chancengleichheit gefördert. In Schulbibliotheken finden auch vielfältige Formen der pädagogischen Interaktion statt, z.B. projektbasiertes Lernen in Form von Rechercheprojekten oder Aktionen zur Leseförderung. Schulbibliotheken sind Schlüsselorte für die Leseförderung und die Förderung von Informationskompetenz. Daher wird die Schulbibliothek häufig auch als „Herz der Schule“ bezeichnet.

Sie plädieren dafür, Schulbibliotheken neu zu denken. Welche NEUE Rolle könnten Schulbibliotheken also künftig einnehmen?

Schulbibliotheken stehen an einem Scheidepunkt zwischen traditioneller Medienversorgung und aktiver Lernunterstützung. Beides schließt sich nicht aus, aber es geht um eine neue Schwerpunktsetzung. Schulbibliotheken werden bei der Konzeption traditionell eher vom Medienbestand und dessen Ausleihe und weniger von den benötigten Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler gedacht. Angesichts der neuen Anforderungen an das schulische Lernen – Stichworte: Digitalisierung, Individualisierung und Kompetenzorientierung – ist jedoch ein Perspektivwechsel dringend erforderlich. Die Diskussion um die 21st Century Skills zeigt deutlich, dass essentielle Skills wie Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration immer wichtiger werden. Auch Querschnittskompetenzen wie Lese- und Informationskompetenz und digitale Kompetenz sowie wichtige Charaktereigenschaften wie Achtsamkeit, Neugier oder Resilienz gehören im 21. Jahrhundert zu den Bildungszielen. Hier sehe ich die neue Rolle der Schulbibliothek: als modernen Lern- und Begegnungsort im schulischen Lernumfeld, an dem die Förderung von Schlüsselkompetenzen im Vordergrund steht. Die Schulbibliothek wird zum Erfahrungsraum, der (schulische) Lernprozesse mit dem Ziel der Befähigung zum selbstgesteuerten Lernen anregt und unterstützt.

Wie kann aus einem bloßen Raum mit Büchern ein Lern-, Begegnungs- und Erfahrungsraum werden, der gezielt die Lesekompetenz und andere Kompetenzen fördert?

Damit sich eine Schulbibliothek zu einem lebendigen Lern-, Begegnungs- und Erfahrungsraum entwickelt, ist ein Zusammenspiel von pädagogischem Konzept, Lernraumgestaltung und sozialer Interaktion erforderlich. Zunächst bedarf es eines pädagogischen Konzepts, das auf Kompetenzorientierung basiert, selbstständiges Lernen fördert und die Schulbibliothek als zentrales Instrument anerkennt. Hinzu kommt eine lernförderliche Gestaltung des Raums, der unterschiedliche Lernszenarien in den Blick nimmt: vom ruhigen Lesen und Arbeiten in einer Lese- und Lernlounge über kreative Bereiche, z.B. in Form eines Makerspace, bis hin zu Gruppenarbeitsplätzen. Die Schulbibliothek sollte zentral gelegen und einladend gestaltet sein. Entscheidend ist schließlich die soziale Praxis: Lernarrangements und Projekte mit aktiver Beteiligung und Eigeninitiative, die unterschiedliche Interessen und Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler berücksichtigen, ermöglichen Interaktion und Partizipation. Dazu gehören eine kreative Lesekultur, die Trends wie Bookstagram oder BookTok aufgreift, ebenso wie ein wöchentlicher Gaming-Treff, der von den Jugendlichen selbst organisiert wird. Die Schulbibliothek wird so primär zu einem sozialen Ort, z.B. als Treffpunkt für Austausch und Kooperation. Auch bei der Medienauswahl können die Schülerinnen und Schüler einbezogen werden und Verantwortung übernehmen. Der Maker-Ansatz ist aus meiner Sicht einer der Schlüssel, um jene Zukunftskompetenzen zu fördern, die es im 21. Jahrhundert braucht.

Inwiefern unterscheiden sich die Lernprozesse, die in der Schulbibliothek stattfinden, von denen im regulären Unterrichtsraum?

Die Schulbibliothek sollte so groß sein, dass dort auch regulärer Fachunterricht stattfindet – etwa zur Einführung neuer Themen oder zur Vertiefung des Stoffes. Im Unterschied zum Klassenzimmer ermöglicht die Schulbibliothek ein aktives Arbeiten mit analogen und digitalen Medien während des Unterrichts. Auf diese Weise kann Informationskompetenz gezielt gefördert werden, indem beispielsweise vermittelt wird, welche Quellen seriös sind und wie sich diese von unseriösen unterscheiden lassen. Die Schulbibliothek ist geradezu prädestiniert dafür, informelles, selbstgesteuertes und soziales Lernen anzuregen. Neben dem gemeinsamen Erledigen von Hausaufgaben eröffnet sie vielfältige Lernformen. Dazu zählen nicht nur die schulische Recherche für Referate oder Facharbeiten, sondern auch informelle und soziale Lernprozesse, etwa wenn Hobbys und Freizeitinteressen mit Klassenkameradinnen und Klassenkameraden geteilt werden. Hier können beispielsweise Schachturniere stattfinden oder neue Apps und (Lern-)Spiele erkundet werden. Die Bibliothek bietet eine niedrigschwellige Bildungsumgebung an, die sich vom Unterrichtsraum bewusst unterscheidet. Sie kann potenziell ein Ermöglichungsraum für selbstbestimmtes Lernen sein und so zur Förderung von Schlüsselkompetenzen beitragen.

Verändert sich durch digitale Medien wie E-Books, Apps und interaktive Formate die Lernumgebung der Schulbibliothek? Welche Risiken und Chancen sehen Sie hier speziell für die Leseförderung?

Die Lernumgebung der Schulbibliothek verändert sich mit der Digitalisierung auf jeden Fall. Neben gedruckten Büchern werden E-Books, Lern-Apps, Lernplattformen und Datenbanken eine größere Rolle spielen. Ich sehe vor allem Chancen für die Leseförderung: Interaktive Tools und multimediale Elemente wie Audio und Animationen können das Textverständnis erleichtern und auch Schülerinnen und Schüler erreichen, die weniger an Büchern interessiert sind oder Probleme beim Lesen haben. Funktionen wie Vorlesen, Schriftanpassung oder Übersetzungen unterstützen besonders Kinder mit Förderbedarf oder nicht-deutscher Erstsprache. Für die Inklusion und die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern ist die Schulbibliothek ein wichtiges Instrument. Allerdings zeigen Forschungsergebnisse auch, dass digitale Medien „Scrolling“ und selektives Lesen statt ein vertieftes Textverständnis fördern. Um sich auf die Lektüre von teils auch umfangreicheren Texten einzulassen, ist oft das Thema und die freie Wahl des Buches – wie es in einer Bibliothek möglich ist – entscheidend. Die Schulbibliothek sollte vor allem die Lesefreude fördern, indem sie unterschiedliche Lese- und Lernbedürfnisse bei der Medienauswahl berücksichtigt.

Wie wichtig ist es, die Schulbibliothek in das gesamte schulische Lernkonzept einzubetten, um das Lernen und Lesen zu fördern? Wie kann diese Integration gelingen?

Die Schulbibliothek kann ihr Potenzial nur entfalten, wenn sie integraler Bestandteil des Unterrichts und der Schulentwicklung ist. Sie sollte fest im Curriculum verankert sein, indem beispielsweise regelmäßige Besuche im Rahmen des Fachunterrichts sowie verbindliche Einheiten für Lese- und Recherchetraining festgelegt sind. Darüber hinaus können niedrigschwellige und spielerische Ansätze das schulische Lernen begleiten. Ein mögliches Beispiel: Begleitend zum Lesenlernen im Deutschunterricht wählen die Kinder in der Schulbibliothek eigenständig ein Erstlesebuch entsprechend ihrer persönlichen Interessen aus. Dieses Buch verbleibt in der Bibliothek und kann dort in Pausen oder am Nachmittag gelesen werden. Sobald alle Schülerinnen und Schüler ihr Buch „geschafft“ haben, wird dies mit einem Fest in der Schulbibliothek gewürdigt – als symbolische Aufnahme in den Kreis der Leserinnen und Leser. Dieses Ritual wirkt motivierend und fördert zugleich die Bereitschaft, auch in der Freizeit eigenständig und interessengeleitet zu lesen. Entscheidend ist, dass sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrkräfte die Schulbibliothek als „ihren“ Raum annehmen und ihn als Lern- und Erfahrungsraum aktiv mitgestalten. Notwendig wäre deshalb aus meiner Sicht, in die Lehramtsausbildung ein Modul zur Schulbibliothek zu integrieren. Dies ist umso wichtiger, da in den meisten Schulbibliotheken kein zusätzliches pädagogisch oder bibliothekarisch geschultes Personal zur Verfügung steht. Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Bildungspotenziale von Schulbibliotheken in Politik und Gesellschaft stärker sichtbar zu machen und Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung von Schulbibliotheken eine nachhaltige Zukunftsinvestition in Bildung darstellt.

Zur Person:
Kerstin Keller-Loibl, Dr. phil., Studium der Germanistik, Geschichte und Pädagogik, ist Professorin für Bibliotheks- und Informationswissenschaft an der Fakultät Informatik und Medien an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig. Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Förderung von Lese- und Informationskompetenz, Bibliothekspädagogik sowie Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit. Sie ist Herausgeberin und Autorin zahlreicher Publikationen zu diesen Themen.

Weitere Informationen unter folgendem Link.

Weiterführende Links:
https://www.lesen-in-deutschland.de/journal/2043


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